Die Atmosphäre der Großstadt Paris im späten 19. Jahrhundert lässt sich in Edouard Manets Bar aux
Folies-Bergère auf ein Bild konzentriert erfahren. Es stellt eine faszinierende Darstellung der
prickelnden, berüchtigten Welt der ‚Demimonde‘ dar, der Halbwelt, in die sich die zeitgenössische
Pariser Gesellschaft mit Vergnügen flüchtete.
Ab dem Jahr 1879 begann Manet unter den komplexer werdenden Auswirkungen seiner Syphilis-
Erkrankung zu leiden. Er begann sich an verschiedenen Orten untersuchen und behandeln zu lassen
und verbrachte schließlich 1881 ebenfalls zu Behandlungszwecken den gesamten Sommer in
Versailles. Léon Leenhoff zufolge, der bekanntermaßen bis zu Manets Lebensende in engem Kontakt
zu diesem stand, verfolgte er in diesem Sommer das Unterfangen, seine Bar zu malen. Leenhoffs
Aufschrieben nach basiert das Gemälde auf verschiedenen Zeichnungen und Skizzen, die zusammen
mit den Beschreibungen zeigen, dass Manet auf sowohl direkte wie indirekte Weise Bezug auf
Szenen aus den Folies-Bergère genommen hat, obwohl sein Werk letzten Enden im Atelier
entstanden ist.
Besonders ist in Manets Werk die Darstellung real existierender Mitglieder der damaligen
Gesellschaft und einer tatsächlich aus dem Etablissement stammenden Bedienung. Es handelt sich
nicht um stereotype oder rein erfundene Figuren, mit Vorzug sind Bekannte des Malers gezeigt. Das
Barmädchen wurde vermutlich persönlich ausgewählt und übermittelt ebenso individuelle Züge.
Darüber hinaus wurde die Darstellung des Interieurs des Etablissements dem Originalschauplatz
nachempfunden, hat denn Manet bekanntermaßen die ersten Skizzen vor Ort angefertigt. Dies
konnte unter Einbezug zeitgenössischer Pläne und Beschreibungen festgestellt werden. Im Zuge der
Ausstellung von 1986 wurden mit den durch Kunsthistorikerin Juliet Wilson-Bareau vorgenommenen
Röntgenaufnahmen weitreichende Fortschritte in der Bildanalyse betrieben. Im Atelier wurde die
Skizze in Ölfarbe beinahe in ihrer ganzen Form auf die Leinwand des finalen Gemäldes übertragen. In
zwei Schritten wurde die Spiegelung des Barmädchens nach rechts versetzt und die Ähnlichkeit mit
der Ölskizze verringert. Dabei veränderten sich Statur von Rückenfigur und gespiegeltem Mann wie
auch die Physiognomie des Mädchens. Ihre Arme werden von einer vor dem Körper überkreuzten
Position geöffnet und finden Kontakt zum Tisch. Die Frage stellt sich, wieso Manet im finalen
Gemälde eine andere Dame dargestellt hat – die Forschung scheint hier bisher nichts
herausgefunden zu haben und kann nur Vermutungen anstellen. Ebenso wird wohl nie eine
hundertprozentig sichere Aussage dazu getroffen werden können, ob Manet die Spiegelung mit
Absicht ‚falsch‘ dargestellt hat und aus welchen Gründen dies geschah.

Im Hinblick auf Manets malerisches Können, seine perspektivischen Darstellungen in seinen vorigen
Werken und sein umfassendes Wissen über andere Werke der Kunstgeschichte lassen diesen Fall
durchaus annehmen. Aus diesem Grund lassen sich die Intentionen des Künstlers jedoch nur
vermuten und speisten das enorme Spektrum an Interpretationen. Die Skizze ist weit weniger
ausführlich als das folgende Gemälde, spontane Verbesserungen und ein rascher, instinktiver
Farbauftrag fallen auf. Die Literatur beurteilt unterschiedlich, bis auf wenige Ausnahmen wird das
zweite Bild der Skizze vorgezogen.
Der Weg zur Entstehung der Bar bezieht die Kaffeehausbilder der damaligen Zeit mit ein, immer
wieder ist die Beziehungslosigkeit der Menschen in der Großstadt ein Thema. Die Bar ist inhaltlich
weit über diese Darstellungen herausgehoben, zeigt jedoch bei näherer Betrachtung deutliche
Bezüge zu den vorangegangenen Werken. Diese lassen sich bei Manet vor allem in der gemeinsamen
Isolation der frontal gerichteten Hauptfiguren erkennen. Die sehr oft zum Betrachter gewendeten
Gesichter lassen sich nur schwer deuten. Der Betrachter ist nicht in der Lage genau herauszufinden,
was im Kopf der Figur vor sich geht, was in der bisherigen Forschung zu allerhand Lösungsansätzen
geführt hat. Diese stellen von sozialkritischen, über feministische und sogar marxistische Ansätze ein
enormes Maß an Interpretationsmöglichkeiten. Meist wird der Blick des Mädchens in
Zusammenhang mit der Rückenfigur desselben als getrennt von ihrer Umgebung interpretiert und im
Hinblick auf die bekannten Hintergründe der Prostitution in den Folies-Bergère gedeutet.
Selbstverständlich kann es nicht nur eine richtige Deutung der Bar geben, zweifelsohne existiert
jedoch ein Spannungsverhältnis zwischen Barmädchen, seinem Spiegelbild und auch dem Betrachter.
Vor dem Spiegel steht das Mädchen aufrecht, allein und scheinbar melancholisch, im Spiegel übt es
dagegen seine Arbeit aus, wie weit diese über die eigentlichen Aufgaben einer Kellnerin hinausgehen
mag lässt sich nur vermuten. Die Kommunikation zwischen Mädchen und Betrachter wird nicht durch
deutliche Gesten herausgefordert, trotzdem wird der Betrachter gezwungen, sich mit dem ihm
gegenüber stehenden Barmädchen und gleichzeitig auch mit dem Menschen dahinter
auseinanderzusetzen. Sicher ist, dass Frontal- und Rückenfigur untrennbar miteinander verbunden
sind, gleichwohl eine optische Trennung vorliegt oder nicht. Die Auseinandersetzung mit der Person
und Rolle des Mädchens bringt eine Auseinandersetzung mit dessen Identität mit sich.
Ein Miteinbeziehen der vorangegangenen Zeichnungen und Malereien, zusammen mit den
Ergebnissen der Röntgenaufnahmen der Ölskizze und des finalen Gemäldes demonstriert die
abgewogene Balance zwischen beobachteter Realität und hinzu gedachter Fiktion, die die Qualitäten
des Bildes ausmachen. Das Gemälde kann durchaus als das malerische Testament des Malers
betrachtet werden, zeigt es doch deutliche Bezüge zu Manets vorangegangenen Gemälden und
vereint seine Fähigkeiten als Künstler. Die immer neuen Interpretationen des Bildes seit der

Erstveröffentlichung belegen dies. Darüber hinaus vereint der Maler die Gattungen Portrait,
Stillleben und Genredarstellung in einem Bild. Die Modernität des Bildes zeigt sich darüber hinaus in
Malweise und Farbauftrag.
Das Gemälde wurde nach seiner Veröffentlichung 1882 im Salon de Paris positiv wie negativ
bewertet. Dabei gab vor allem die optisch unrichtige Spiegelung Anstoß zu Diskussionen. Die
zeitgenössischen Kritiker gingen sogar so weit Manet die nötigen Voraussetzungen zur Malerei
abzuerkennen und ihm das Unwissen zu unterstellen, eine optisch richtige Spiegelung zu
imaginieren. Andererseits wurde das Bild als modernstes und interessesantestes Stück des Salons
hoch gelobt und die harmonische Gestaltung des Werkes hervorgehoben. In der heutigen Forschung
wurde das Bild indessen anerkannt und als letztes Meisterwerk des Franzosen gewürdigt. Die
rätselhafte Spiegelung gibt jedoch immer noch Grund zu Diskussionen. Nicht vergessen werden darf,
dass Manet zur Zeit der Fertigstellung bereits unheilbar krank war und ihm die Arbeit sehr
schwergefallen sein muss. Trotzdem hatte er sich noch nicht mit seiner Krankheit abgefunden und
verliert sich in seinem letzten Werk noch einmal meisterlich in der Atmosphäre der ihm so wichtigen,
vordergründig heiter erscheinenden ‚Parallelwelt‘ des Paris im 19. Jahrhundert.

ts

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